“Bist du verrückt?”

Die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Erstinfektion mit dem Laufvirus und dessen Ausbruch, betrug in meinem Fall ein paar Jahre. Ich hatte nach meinem Schulabschluss eine Lehre begonnen und jeglichen, ernsthaften Sport an den Nagel gehängt. Ich ging statt 3 mal die Woche zum Tennistraining lieber 3 mal die Woche in die Disko.
Kurz vor dem Ende der Lehre flatterte bei mir ein Musterungsbescheid der Bundeswehr ins Haus. Bundeswehr? 12 Monate Wehrdienst? Da hatte ich ja überhaupt keine Lust zu! Zivildienst war aber auch keine Alternative, denn der dauerte noch länger.
Also wurde bei der unvermeidbaren Musterung versucht, möglichst gebrechlich rüberzukommen.
Der Erfolg lag dann darin, dass meine Allergien gegen Gräser, Katzen & Co. ernst genommen und mir eine Einberufung im Winter fernab aller Gräserpollen und Katzen in Aussicht gestellt wurde. Die Musterung bescheinigte mir letztlich nur eine Tauglichkeit der Stufe 3 (T3). Das ist ziemlich unvorteilhaft, denn man ist weder ausgemustert noch kann man für Alles verwendet werden, was die Möglichkeiten arg einschränkte, sich wirklich etwas Interessantes beim Bund herauszusuchen.

Jan, einer meiner Freunde, war zur gleichen Zeit Zeitsoldat und erzählte mir furchteinflößende Dinge über die hohen körperlichen Anforderungen, die insbesondere in der Grundausbildung an einen jungen Rekruten gestellt werden.
Als ich schließlich kurz nach meiner abgeschlossenen Berufsausbildung den Einberufungsbescheid zur Grundausbildung beim Feldartilleriebatallion 61 im 50 km entfernten Albersdorf erhielt, vergrößerten sich meine Sorgen schlagartig.
War ich dem Ganzen körperlich – sprich konditionell – gewachsen?
Jan bot mir an, mich auf seine Jogging-Runden, die er neuerdings in Angriff nehmen wollte, mitzunehmen. Einer seiner Vorgesetzten, ein ambitionierter Marathonläufer, den ich einige Jahre später kennenlernen sollte, scheuchte Jan und seine Heeresflieger-Kameraden regelmäßig durch die an den Fliegerhorst angrenzenden Wälder. Jan wollte sich dabei offensichtlich keine Blöße geben und privat noch ein wenig Form aufbauen.  Also liefen wir zusammen.
Unsere Runde betrug vom ersten Trainingstag an fast 10km und wir liefen sie in etwas mehr als einer Stunde. Nachdem wir das einige Male gemacht hatten, wurde deutlich, dass ich immer schneller wurde und Jan an dem Versuch mir zu folgen verzweifelte. Es war dann so, dass wir die erste Hälfte zusammen in Jan’s Tempo und ich die zweite Hälfte etwas schneller allein nach Hause lief. Noch etwas später erweiterte ich die Runde immer mehr und bald lief ich ganz allein…

Am 2. Januar 1993 war es dann soweit und meine Eltern lieferten mich vor dem Kasernentor der Dithmarsen-Kaserne in Albersdorf ab. Nachdem ich und meine Kameraden in der ersten Woche mit dem Nötigsten vertraut gemacht und eingekleidet wurden, ging es in der zweiten Woche darum diverse Fitnesstest zu bestehen.
Klappmesser, Medizinball gegen die Wand werfen und Klimmzüge auf Zeit wurden gezählt. Die körperlichen Anforderungen, die an uns gestellt werden waren so lala. Ich durfte aber feststellen, dass bei meinen Altersgenossen in der Zeit zwischen Schulsport und Einberufung eine körperliche Metamorphose stattgefunden hatte. Entweder wurde in dieser Zeit das Rauchen oder das Essen für sich entdeckt, oder gar beides. Jedenfalls war für die überwiegende Mehrheit meiner 5. Kompanie das Programm zur Bestimmung der Fitness eine Herausforderung. Der erste Tag endete für mich mit der überraschenden Feststellung, dass keiner mehr Klimmzüge schaffte als ich.
2. Tag – Laufen im Freien. 3.000m sollten nach Zeit auf der 400m-Bahn gelaufen werden. Ich erinnere mich nicht mehr an meine benötigte Zeit, aber die beiden Ausbilder, die meine Zeit stoppten, meinten erst, ich wäre wohl nicht alle Runden gelaufen, um dann festzustellen, dass ich den “Kompanierekord” gebrochen hätte – wo auch immer dieser vorher gelegen hatte.
Dann ging es auf die Hindernisbahn. So etwas hatte ich vorher nur in einschlägigen Kriegsfilmen gesehen. 3m hohe Bohlenwände zu überwinden, sich an grobmaschigen Netzen aus Tauen entlang zu hangeln etc. entsprach weder meinen körperlichen Voraussetzungen noch meinem Mut. Ich quälte mich mehr schlecht als recht über den Parcours, wobei mir meine offensichtlich gute Kondition noch die einzige Hilfe war.
Die Erinnerungen an diese Hindernisbahn sorgen noch heute dafür, dass ich jede OCR-Veranstaltung links liegen lasse.
Rückblickend würde ich sagen: das war’s auch schon an wirklichen körperlichen Herausforderungen während der Bundeswehrzeit.
An einem jeden Freitag gab es “GAT” –  Gelände Ausdauer Training. Man lief ein mal um das gesamte Kasernengelände und durfte nach der anschließenden Dusche ins Wochenende. Ich war meist der Erste unter der Dusche.

Dienstschluss in der Grundausbildung

Die Grundausbildung endete nach 3 Monaten Ende März und ich wurde gemäß meiner Tauglichkeit in die Kartenstelle des Stabes der 6. Panzergrenadierdivision in die Hindenburg Kaserne nach Neumünster versetzt. 9 Monate Büro warteten auf mich. Das Laufen war nun mein Ding. Wenn ich ein wenig Leerlauf bei meiner Verwaltungsarbeit hatte, las ich in einem Laufbuch, das ich mir zugelegt hatte.

Ich hab’s noch immer!

“Das komplette Buch vom Laufen” vom James F. Fixx lag fortan auf meinem Schreibtisch. Eines Tages entdeckte der Chef meiner Abteilung – Hauptmann Gerhardt (NICHT Gerhart Hauptmann!) – den Schmöker auf meinem Schreibtisch.
Ich fühlte mich ein wenig ertappt. Er musterte das Buch in seinen Händen und fragte, ohne den Blick vom Deckeltext auf der Rückseite zu heben: “Sind Sie Läufer, Kanonier Rotzoll?
Ähh nun ja, ich versuche einer zu werden.
Sagen Sie mir nur Bescheid, wenn Sie laufen gehen wollen und die Arbeit es zulässt, dann können Sie meinetwegen trainieren.
Was für Möglichkeiten sich mir eröffneten! Ich erfuhr später von ihm, dass er in seinem Heimatverein Leichtathletiktrainer für die Jüngsten war.
Hauptmann Gerhardt erzählte im Stab, dass er ja einen Läufer bei sich in der Abteilung hätte und brachte mich im Laufteam unter, dass bei einem Crosslauf der Briten in Kiel teilnehmen sollte. “Team” ist vielleicht ein wenig übertrieben, schließlich waren wir nur zu dritt! Neben einem Geschäftszimmer-Kameraden aus meiner Stabskompanie Obergefreiter Goebbels (kein Witz!), der gleichzeitig unser Fahrer zu dem Wettkampf nach Kiel war, gab es noch einen Feldwebel, der genauso schnell und viel lief, wie er trank. Jedenfalls rauschten noch 3 Bier seine Kehle hinunter bevor er befand, dass der Lauf nun starten könne.
Ich erinnere mich nur schemenhaft an die Veranstaltung, die als mein erster Laufwettkampf in die Analen eingehen sollte, aber der Feldwebel überholte mich kurz vor dem Ziel. Crosslauf war doch etwas anderes, als das Laufen, dass ich bislang kannte.
Gut gemacht!“, klopfte er mir anerkennend auf die Schulter.
Das freitägliche “GAT” fand in Neumünster außerhalb der Kaserne statt.
Wir liefen in den angrenzenden Stadtwald, dort eine Schleife und zurück ans hintere Kasernentor, wo die wachhabenden Kameraden Buch über die Rückkehrer führten. Wir waren immer 3 bis 4 Kameraden, die sich einen harten Kampf um die Ehre, der ungekrönte Wochensiegers zu sein, lieferten. Einer der Jungs – ich glaube er war Obergefreiter und hieß Stoltenberg –  galt zu Recht als der schnellste Läufer unter uns. Freitag für Freitag musste ich mich ihm geschlagen geben, doch ich wurde besser. Eines Tages war es dann soweit und ich konnte mich auf  dem letzten Kilometer absetzen. Ich hatte mich auf einem schmalen Pfad an ihm vorbei geschlängelt und versuchte mit dem Mut der Verzweiflung einen Vorsprung heraus zu laufen. Ich hörte ihn hinter mir und hatte das Gefühl er könne mir ohne Mühe folgen. Peinlich, wenn er mich doch noch wieder überholte. Die letzten paar hundert Meter waren Asphalt und ich taumelte auf das Kasernentor zu. Meine Lunge war nicht mehr in der Lage all die Luft aufzunehmen, die mein Körper benötigte und so schlug ich fast ohnmächtig an, um gleich darauf erschöpft zu Boden zu sinken. Sieg! Pheidippides für Minderbemittelte! Mein Gegner war bei weitem nicht so kaputt. Er atmete zwar schwer, aber gab mir die Hand um mich hochzuziehen.
Nicht schlecht, läufst du eigentlich Wettkämpfe?“, fragte Stoltenberg.
Ich? Nein!” Doch warum eigentlich nicht? Doch wenn ja, wo?
Er nahm regelmäßig an Volksläufen teil und startete für einen Verein. Bevor ich aber auf die Idee kam, mir von ihm Tipps für meine weitere Karriere zu holen, war seine Dienstzeit vorbei und wir sahen uns nie wieder.

Gefreiter Grunewald war ein ehemaliger Football-Spieler aus Hamburg und dabei ein ganz passabler Läufer, solang die Strecke nicht so lang war. Er tat wie ich Dienst in der Divisionskartenstelle und war Grund und Ansporn zugleich für meinen ersten richtig langen Lauf. Die Herausforderung nannte sich “Leistungsmarsch” und war im Prinzip ein Wandertag der Division. Mit Kampfanzug, Stiefeln und einem Rucksack mit vorgeschriebenen Gewicht von ich glaube 10kg ging es auf eine Strecke von 30km.
Demjenigen, der die Strecke als Erster bewältigte, winkte verlockend ein Tag Sonderurlaub.
Grunewald und ich hatten uns schon auf einem kürzeren “Marsch” ohne Gepäck einen harten Fight geliefert, den ich letztlich für mich entscheiden konnte. Seine Worte, nachdem er schwer atmend hinter mir das Ziel erreichte werde ich wohl nie vergessen: “Du läufst doch nur so schnell, um deine Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren!” Selbst aus heutiger Sicht noch immer eine interessante These!
Ich neckte ihn im Kreise der Kameraden dann gern mit dem Spruch:
Lauf ich so schnell wie Grunewald, friere ich, denn mir wird kalt!
 
Über den langen Kanten von 30km sollte es nun seine Chance auf Revanche geben.
Damit es nicht zu einem direkten Vergleich zwischen den Offizieren und dem gemeinen Kanonenfutter kommen konnte, starteten die Herren mit Portepee ein wenig vor uns.
Schließlich wurden auch wir auf die Strecke gelassen. Mit marschieren im eigentlichen Sinne hatte das Ganze nichts zu tun, vielmehr joggten wir so gut es ging. Ein paar Kameraden waren mit einem Fahrzeug als “Lumpensammler” unterwegs, begleiteten uns aber interessiert, anstatt irgendwo auf fußlahmes Volk zu warten wie die Geier.
Bald schon überholten wir die ersten Offiziere, die uns im Vorbeiziehen aufmunterten. Irgendwann ließ ich Grunewald hinter mir. Ich hatte mir das “Rennen” gut eingeteilt und hatte keine Probleme, das eingeschlagene Tempo zu halten. 30km war ich indes nie zuvor gelaufen – schon gar nicht in Kampfmontur inklusive 10kg auf dem Rücken!
Schon frühzeitig spürte ich ein leichtes Brennen im Bereich meiner Fersen, das aber wieder nachließ um nach ca. 15km mit voller Wucht zurück zu kommen.
Ich hatte mir offensichtlich die Fersen in den zum Laufen sicherlich nicht idealen Kampfstiefeln aufgescheuert. Die Socken aus groben Strick hatten sich durch die Reibung im Stiefel wie Schmirgelpapier durch meine diversen Hautschichten gearbeitet.
Ich versuchte meine Schritte zu variieren und bekam alsbald Wadenkrämpfe obendrauf. Dies wurde zudem durch meine viel zu geringe Flüssigkeitsaufnahme begünstigt.
Mit bis zu diesem Zeitpunkt großem Vorsprung auf das restliche Feld, musste ich nach etwas mehr als 20km den Marsch beenden, nachdem ich mir zwischenzeitlich noch ein paar Krücken von einem Kameraden aus dem Begleitfahrzeug geliehen hatte.
Meine Kameraden fuhren mich zurück in die Kaserne. DNF!
Dort wurde ich zuallererst von meinem cholerischen Spieß der Stabskompanie “begrüßt”, der mir unverhohlen entgegenbölkte, ich würde doch nur simulieren, um den Marsch nicht beenden zu müssen. Ihm selbst war die Teilnahme – nebenbei bemerkt – auf Grund seiner körperlichen Gebrechen leider verwehrt!
Schmerzhafter als meine Enttäuschung, es nicht geschafft zu haben, war aber der Gang unter die Dusche. Meine Socken zog ich zusammen mit einem Großteil der Haut aus, die vorher meine Fersen bedeckte. Dort war nur noch rohes Fleisch, das nicht einmal mehr nennenswert zu bluten im Stande war. Vorher von mir unbemerkt war auch mein Rücken vom Rucksack wund gerieben. Das heiße Wasser der Dusche ließ mich aufschreien und das Brennen der Seife hat sich für ewig in mein Gedächtnis gebrannt. Die Rückkehr vom anschließenden Gang in den Sanitätsbereich brachte die Erkenntnis die nächsten Tage Verbandswechsel durchführen zu müssen und 2 Wochen bequemes Schuhwerk nach Wahl tragen zu dürfen. Ich erlangte in Folge einige Bekanntheit auf dem Kasernengelände als “Der Typ mit den Adiletten”. 

Sonntag, der 23. Mai im Jahre 1993 war 60km nördlich von Hamburg ein teils sonniger aber doch angenehm warmer Tag. Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt noch bei meinen Eltern. Um nach ausgiebiger Nachtruhe noch ein wenig zu entspannen, entschied ich mich dazu, meiner Mutter auf der Terrasse ein wenig Gesellschaft zu leisten.
Auf dem Weg dorthin durchquerte ich das Wohnzimmer, wo mein Vater sich derweil von der morgendlichen Gartenarbeit vor dem Fernseher ausruhte.
Hier, schau mal!“, sagte er und deutete auf den Fernseher.
Da laufen die ganzen Verrückten heute Marathon in Hamburg.
Der NDR übertrug den 8. Shell-Hanse-Marathon. Massen von Läufern liefen an jubelnden Zuschauern vorbei. Am schnellsten die Startnummer 17., der Brite Richard Nerurkar. Ohne weiter nachzudenken, sagte ich fast belanglos: “Da laufe ich nächstes Jahr mit.
Mein Vater wandte sich ruckartig um und schaute mich mit spitzen Lippen und zusammengekniffenen Augen an. Er wartete offensichtlich auf irgendeine Regung von mir, die ihm vermitteln konnte, dass ich einen Scherz gemacht hatte. In diesen wenigen Augenblicke kam ich zu dem simplen Entschluss: “Warum eigentlich nicht?
Ist ja auch – im wahrsten Sinne des Wortes – der logische nächste Schritt nach dem `Goldenen Laufabzeichen` Jahre zuvor!
Da meine Reaktion gegenüber meinem Vater ausblieb, entschied dieser mir mitzuteilen, was er von meiner Idee hielt, sollte ich sie denn wirklich ernst meinen.

Bist du verrückt?

Da er merkte, dass Fragen nach dem Geisteszustand seines Sohnes hier womöglich nicht weiterhelfen würden, schob er direkt eine konkrete Handlungsanweisung hinterher.
Das lässt du schön bleiben!
Ich lächelte nur milde…
Richard Nerurkar lief mit erhobenen Armen kurz nach 10 Uhr ins Ziel am Hamburger Fernsehturm und ich hatte noch genau 1 Jahr Zeit, es ihm nachzutun.

Der erste Schritt

Noch mit Stützrädern

Würde ich meine Mutter nach dem ersten Schritt (in mein Läuferleben) fragen, so käme sofort die Geschichte von meinen ersten Gehversuchen als Baby und insbesondere davon, dass ich ja erst sooooooo spät laufen gelernt hätte. “Und mit dem Fahrradfahren hat er sich dann auch noch so angestellt und erst mit 6 Jahren gelernt ohne Stützräder zu fahren. ‘Das ist so kippich!’, hat Matze immer gerufen…”
Jaaaa, Mutti! *seufz!*
Da ihr hier die Texte eines passionierten Läufern liest, ahnt ihr bereits, dass ich diese Defizite mittlerweile wieder wett gemacht haben dürfte, aber dazu später mehr…

Meine sportliche Karriere begann im Fussballverein meiner Heimatstadt. Der Vater meines Sandkastenkumpels Sven war Schiedsrichter und so kamen Sven und ich irgendwann zum Fußball, um unsere auf der Straße erworbenen Fähigkeiten zu verfeinern. Klassische Straßenkicker! Das erste mal fuhr ich jedoch mit meiner Mutter auf den Trainingsplatz. Es war ein kalter, dunkler Herbsttag und die “F-Jugend” kickte auf dem großen Fußballplatz unter Flutlicht. Meine Mutter stellte mich bei den Betreuern vor und schon wenige Minuten später steckte ich in einem viel zu großen, blauen Trikot des  VFL-Kellinghusen  mit “Langnese Dolomiti” Werbung auf der Front. Es stand ein Testspiel an und ich fand mich direkt im zentralen Mittelfeld wieder. So oder ähnlich könnte jetzt auch die Geschichte einer großen Fußballerkarriere beginnen können.

Kleine Randbemerkung
Einem Freund von mir (Ex-Fussballer und jetzt schon lange selbst Läufer) ist aufgefallen, das Gespräche mit Fußballern häufig folgendermaßen ablaufen:
(Ex-)Fußballer: “…du machst sicherlich auch irgendeinen Sport, so wie du aussiehst ?!
Kumpel: “Ja, ich bin Läufer!
(Ex-)Fußballer: “Ahh, hab’ ich mir fast gedacht! Ja, laufen klappt bei mir nich’ so gut. Kriege immer Probleme mit meinem Knie…
Kumpel (denkt): – Na ja, wahrscheinlich das Übergewicht…! –
(Ex-)Fußballer: “…Aber ich hab’ ja auch mal ‘höher‘ gespielt!” – Ausrufezeichen – 

Ich trainierte fortan mit und Sven war unser Torwart.
2 mal die Woche war Training.
Ich war schon eine Weile dabei und hatte mit 6 Toren in einem Punktspiel schon meinen größten fussballerischen Erfolg gefeiert, als ein Mitspieler anfing mich zu mobben. Er hieß Jörg und fand Gefallen daran, mich bei allen möglichen Gelegenheiten zu bepöbeln, in den Schwitzkasten zu nehmen oder im Spielgeschehen rüde zu foulen.
Nun war ich es durchaus gewohnt geneckt zu werden. Ich war immer schon der Kleinste, ob in der Schule oder beim Fußball. Als vermeintlich Schwächerer bot man leichtes Ziel für Mobbing. Mich hat das hin und wieder schon beschäftigt, doch irgendwann habe ich entdeckt, dass einige persönliche Eigenschaften dieses Defizit wieder ausglichen.
Kurz gesagt: körperliche Größe + Größe des Mundwerks = Durchschnittsgröße.
Unser Fußballtrainer bekam die Drangsalierungen nicht mit, bzw. wollte es nicht mitbekommen. Höchstens bei Fouls hieß es mal “Hey Jörg, sich so doll! Los Matthias, aufstehen, weiter geht’s!
Ich hatte bald nur noch Spaß am Training, wenn Jörg nicht dabei war.
Irgendwann hatte ich dann überhaupt keinen Spaß mehr. Der letzte Tag als Fußballer endete in der E-Jugend mit einem finalen Foul von Jörg. Er sprang aus vollem Lauf mit gestrecktem Bein und Stollenschuh bewährtem Fuß direkt in mein Schienbein. Wahrscheinlich habe ich dabei sogar eine Knochenverletzung erlitten, jedenfalls meine ich noch heute die Stelle am Schienbeinknochen ertasten zu können.

Nicht ganz uninspiriert von der Kung-Fu Einlage meines Mitspielers las ich eines Tages einen kleinen Artikel im Lokalteil unserer Tageszeitung. “Aikido – Die sanfte Form der Selbstverteidigung”, so oder so ähnlich warb der Artikel um die Teilnahme am Training des örtlichen Aikido Vereins. Bald darauf steckte ich ein einem weißen Baumwoll-Kampfanzug, Keikogi genannt, dessen relative steife Jacke durch einen weißen Gürtel zusammengehalten wurde. Ich war ganz am Anfang einer Aikido Karriere.
Aikido ist eine sanfte Kampfsportart, die viel Körpergefühl vermittelt. Ich bilde mir bis heute ein, dass mir die dort vermittelten Falltechniken bei manchem Sturz im Radsport geholfen haben.
Ich blieb zwar nur bis zum 5. Kyū (gelben Gürtel), aber eines beeindruckte mich am Aikido nachhaltig: Es geht nur darum den Angriff des Gegenüber abzuwehren und einen erneuten Angriff zu unterbinden aber nicht darum einen Gegenangriff vorzubereiten. Nur folgerichtig gibt es daher auch keine Wettkämpfe. Wie wichtig mir das ist, wurde mir erst später bewusst.

Neben Aikido begann ich mit dem Motorradfahren. Ja, richtig gehört! Ich war zwar noch im Grundschulalter aber ich wurde Mitglied einer kleinen Truppe von Kindern die auf Mini-Bikes Choreografien fuhren. Wir traten damit auf diversen Sport-Presse-Festen in den großen Hallen der Republik und im Fernsehen bei Gottschalk & Co. auf.
O.K., so richtig sportlich im eigentlichen Sinn war das natürlich nicht.

Beidhändige Rückhand á la Borg

Schließlich geriet ich zum Tennis.
Meine Eltern waren Anfang der 80er Jahre vom Tennis-Virus infiziert worden und verbrachten – in Abhängigkeit von der Jahreszeit – viel Zeit auf roter Asche oder dem Nadelfilz der Tennishalle. Da lag es natürlich nah, dass der Filius es auch einmal probiert.
Nachdem ich schon einige Zeit Training genossen hatte, wurde ich in das Knaben-Team des TC-Kellinghusen berufen. Ich war der unerfahrenste Spieler im Team und wir spielten in der höchsten Spielklasse des Landes Schleswig-Holstein – eine vielversprechende Konstellation. Diese Ehre wurde uns durch unsere Vorgänger zu teil, die nun aber zu den Junioren aufgestiegen waren. Wir hatte arge Probleme die Klasse zu halten und bekamen von unseren Gegnern regelmäßig eine Klatsche. Der Verein tat Alles, um uns die Gelegenheit zu bieten, uns spielerisch weiterzuentwickeln. So hatten wir 2 mal in der Woche Tennistraining und bekamen ein mal zusätzlich Konditionstraining. Dabei liefen wir dann zum Beispiel mal ohne Ball & Schläger durch den an die Tennisanlage grenzenden (winzigen) Stadtpark. Unser Trainer sah es zudem gern, dass wir auch über die Trainingsstunden hinaus auf der Anlage spielten. Tennis war damals erst im Begriff sich von einem elitären Sport vermeintlicher aber doch eher versnobter Eliten in Richtung eines Sports für Jedermann zu entwickeln. Jedenfalls wurden wir regelmäßig von den Älteren Herrschaften von Platz geholt, da sie selber spielen wollten. Die durch den Tennis Punk Agassi aufkommende Unsitte mit knallbunten Shorts zu spielen, wurde ebenfalls mit einem Platzverweis belohnt. Vielleicht auch dies nur ein Vorwand. Über die Jahre wandelte sich das Bild und viele der selbsternannten “Hüter der Werte des weißen Sports” ließen in der Folge beiläufig fallen, dass “…wir ja mittlerweile mehr Zeit im Golfclub verbringen…” – Au revoir!
Ich spielte eigentlich ganz gern Tennis, gut jedoch nur, wenn es nicht Punkte ging. Sobald man um Spiel, Satz und Sieg auf den Platz ging, versagten bei mir die Nerven und der Schläger in meiner rechten Hand wurde zum Fremdkörper. Zudem hatte ich immer ein Problem damit meinen “Gegner” zu “schlagen”. Einer konnte sich nur dann freuen, wenn ein anderer enttäuscht vom Platz ging. Ich selbst war jedenfalls immer enttäuscht, denn ich war viel zu ehrgeizig und taugte nicht zum Verlierer.
Tennis hatte mir einfach viel zu wenig “Aikido”-Prinzip.
Immer pünktlich zum Training zu gehen, um letztlich doch keine Punktspiele bestreiten zu wollen schien mir irgendwann nicht besonders logisch zu sein. So war ich auch bald kein Tennisspieler mehr und sollte auch 30 Jahre keinen Schläger mehr anrühren.

Ich hatte zwischenzeitlich etwas vieeeel Cooleres entdeckt!
Mein alter Sandkastenkumpel Sven hatte es irgendwann nicht mehr im Fussballtor ausgehalten und saß wie ich sportlich “auf der Straße”. Doch Sven hatte ein Skateboard! Bald hatten wir beide eins und hingen mit einer Gruppe gleichaltriger Kids aus dem BMX & Skater Milieu ab. Sven rauchte auch schon (normale Zigaretten!), sagte mir aber: “Fang bloß nicht damit an!” Ich sollte immer Nichtraucher bleiben. Wir bauten Rampen, Half- und Quarterpipes und cruisten durch unsere Kleinstadt. Skaten war purer Flow und hatte ein bisschen was von “Aikido”. Jedenfalls bestritten wir nie irgendwelche Wettkämpfe, es gab ja nicht mal richtiges Training.
Irgendwann tauschten wir das Skateboard als Fortbewegungsmittel gegen Mokicks, hatten die erste feste Freundin und dann das erste Auto. Bald war ich so etwas wie “erwachsen”.
Doch zwischenzeitlich war unbemerkt etwas passiert, dass in der Aufzählung meiner durchlebten Sportarten fehlt. Die Erstinfektion mit einem Virus, der erst Jahre später richtig ausbrechen sollte.

Es war beim Schulsport, genauer bei der Leichtathletik. Sport in der Schule fand ich Klasse, wenn irgendetwas mit Bällen gemacht wurde. Hockey war mein Favorit und natürlich Fußball, Basketball auf Grund meiner Körpergröße schwierig. Gehasst habe ich Geräteturnen. Hocksprünge über irgendwelche Kästen waren der Horror für mich! Leichtathletik fand ich langweilig. Hoch- und Weitsprung und auch die kurzen Laufdistanzen waren nichts für meine kurzen Beine. Auf der  “Langstrecke” beim Laufen über 3.000m war ich schon konkurrenzfähiger, schaffte es aber nicht, mich für die Schulauswahl der Kreismeisterschaften im Crosslauf  zu qualifizieren. Eines Tages fragte unser Sportlehrer, ob wir Interesse hätten das Goldene Laufabzeichen zu bestehen. Er bot uns an außerhalb der Schulzeit die erforderliche 1 Stunde mit uns zu laufen. Ich und eine Handvoll weitere Schüler meldeten sich. Bis zur Prüfung des Laufabzeichens verblieben noch ein paar Wochen und so beschloß ich mit meinem Klassenkameraden Nico das Training aufzunehmen.

Aktueller Nachbau des
adidas TRX Runner

 Ich trug damals “Adidas TRX Runner”, quasi den kleinen Bruder des legendären “Marathon TR”.  Die Schuhe waren eigentlich auch meine normalen Alltags-Sneaker, denn ich war weit davon entfernt ein “Läufer” zu sein.
Nico und ich liefen eigentlich immer die gleiche Runde von 3,5km und das ziemlich locker.
Endlich war der Tag gekommen und wir trafen uns mit einer Hand voll Unerschrockenen nach der Schule mit unserem Lehrer, der – soweit ich mich erinnern kann – auf dem Rennrad aus seinem 40km entfernt gelegenen Wohnort angeradelt kam. Und jetzt wollte der Teufelskerl noch eine Stunde mit uns laufen gehen? Unglaublich!
Wir trotteten los. Als wir ungefähr die maximale Distanz zwischen uns und unserem Startpunkt an der Schule erreicht hatten, fingen die ersten Kameraden an schlapp zu machen. Doch weder gehen noch aufgeben war eine Option, wie sollten wir auch sonst zurück kommen? Jan, ein Mitschüler von uns hatte die größten Probleme, so dass ich ihn mit einem Anderen aus unserer Jogging-Gruppe anschieben musste!
Schließlich erreichten wir alle das Ziel und konnten uns fortan mit dem “Goldenen Laufabzeichen” schmücken, das uns ein paar Tage später von unserem Sportlehrer feierlich überreicht wurde.
Ich erfuhr, dass das nächsthöhere Abzeichen das “Marathon Laufabzeichen” war, für das man “zweiundvierzig-komma-irgendwas” Kilometer rennen musste. Hä?! Wer schafft denn sowas?
Ich war derweil zufrieden, dass ich diese Prüfung augenscheinlich leichter bewältigte als die meisten meiner Mitschüler, deren Hacken ich auf den kürzeren Bahndistanzen zu sehen pflegte. Nie wäre ich zu diesem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, dass Joggen eine, wenn nicht gar “meine” Sportart sein könnte.
Das war dann eine andere Geschichte…