“Bist du verrückt?”

Die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Erstinfektion mit dem Laufvirus und dessen Ausbruch, betrug in meinem Fall ein paar Jahre. Ich hatte nach meinem Schulabschluss eine Lehre begonnen und jeglichen, ernsthaften Sport an den Nagel gehängt. Ich ging statt 3 mal die Woche zum Tennistraining lieber 3 mal die Woche in die Disko.
Kurz vor dem Ende der Lehre flatterte bei mir ein Musterungsbescheid der Bundeswehr ins Haus. Bundeswehr? 12 Monate Wehrdienst? Da hatte ich ja überhaupt keine Lust zu! Zivildienst war aber auch keine Alternative, denn der dauerte noch länger.
Also wurde bei der unvermeidbaren Musterung versucht, möglichst gebrechlich rüberzukommen.
Der Erfolg lag dann darin, dass meine Allergien gegen Gräser, Katzen & Co. ernst genommen und mir eine Einberufung im Winter fernab aller Gräserpollen und Katzen in Aussicht gestellt wurde. Die Musterung bescheinigte mir letztlich nur eine Tauglichkeit der Stufe 3 (T3). Das ist ziemlich unvorteilhaft, denn man ist weder ausgemustert noch kann man für Alles verwendet werden, was die Möglichkeiten arg einschränkte, sich wirklich etwas Interessantes beim Bund herauszusuchen.

Jan, einer meiner Freunde, war zur gleichen Zeit Zeitsoldat und erzählte mir furchteinflößende Dinge über die hohen körperlichen Anforderungen, die insbesondere in der Grundausbildung an einen jungen Rekruten gestellt werden.
Als ich schließlich kurz nach meiner abgeschlossenen Berufsausbildung den Einberufungsbescheid zur Grundausbildung beim Feldartilleriebatallion 61 im 50 km entfernten Albersdorf erhielt, vergrößerten sich meine Sorgen schlagartig.
War ich dem Ganzen körperlich – sprich konditionell – gewachsen?
Jan bot mir an, mich auf seine Jogging-Runden, die er neuerdings in Angriff nehmen wollte, mitzunehmen. Einer seiner Vorgesetzten, ein ambitionierter Marathonläufer, den ich einige Jahre später kennenlernen sollte, scheuchte Jan und seine Heeresflieger-Kameraden regelmäßig durch die an den Fliegerhorst angrenzenden Wälder. Jan wollte sich dabei offensichtlich keine Blöße geben und privat noch ein wenig Form aufbauen.  Also liefen wir zusammen.
Unsere Runde betrug vom ersten Trainingstag an fast 10km und wir liefen sie in etwas mehr als einer Stunde. Nachdem wir das einige Male gemacht hatten, wurde deutlich, dass ich immer schneller wurde und Jan an dem Versuch mir zu folgen verzweifelte. Es war dann so, dass wir die erste Hälfte zusammen in Jan’s Tempo und ich die zweite Hälfte etwas schneller allein nach Hause lief. Noch etwas später erweiterte ich die Runde immer mehr und bald lief ich ganz allein…

Am 2. Januar 1993 war es dann soweit und meine Eltern lieferten mich vor dem Kasernentor der Dithmarsen-Kaserne in Albersdorf ab. Nachdem ich und meine Kameraden in der ersten Woche mit dem Nötigsten vertraut gemacht und eingekleidet wurden, ging es in der zweiten Woche darum diverse Fitnesstest zu bestehen.
Klappmesser, Medizinball gegen die Wand werfen und Klimmzüge auf Zeit wurden gezählt. Die körperlichen Anforderungen, die an uns gestellt werden waren so lala. Ich durfte aber feststellen, dass bei meinen Altersgenossen in der Zeit zwischen Schulsport und Einberufung eine körperliche Metamorphose stattgefunden hatte. Entweder wurde in dieser Zeit das Rauchen oder das Essen für sich entdeckt, oder gar beides. Jedenfalls war für die überwiegende Mehrheit meiner 5. Kompanie das Programm zur Bestimmung der Fitness eine Herausforderung. Der erste Tag endete für mich mit der überraschenden Feststellung, dass keiner mehr Klimmzüge schaffte als ich.
2. Tag – Laufen im Freien. 3.000m sollten nach Zeit auf der 400m-Bahn gelaufen werden. Ich erinnere mich nicht mehr an meine benötigte Zeit, aber die beiden Ausbilder, die meine Zeit stoppten, meinten erst, ich wäre wohl nicht alle Runden gelaufen, um dann festzustellen, dass ich den “Kompanierekord” gebrochen hätte – wo auch immer dieser vorher gelegen hatte.
Dann ging es auf die Hindernisbahn. So etwas hatte ich vorher nur in einschlägigen Kriegsfilmen gesehen. 3m hohe Bohlenwände zu überwinden, sich an grobmaschigen Netzen aus Tauen entlang zu hangeln etc. entsprach weder meinen körperlichen Voraussetzungen noch meinem Mut. Ich quälte mich mehr schlecht als recht über den Parcours, wobei mir meine offensichtlich gute Kondition noch die einzige Hilfe war.
Die Erinnerungen an diese Hindernisbahn sorgen noch heute dafür, dass ich jede OCR-Veranstaltung links liegen lasse.
Rückblickend würde ich sagen: das war’s auch schon an wirklichen körperlichen Herausforderungen während der Bundeswehrzeit.
An einem jeden Freitag gab es “GAT” –  Gelände Ausdauer Training. Man lief ein mal um das gesamte Kasernengelände und durfte nach der anschließenden Dusche ins Wochenende. Ich war meist der Erste unter der Dusche.

Dienstschluss in der Grundausbildung

Die Grundausbildung endete nach 3 Monaten Ende März und ich wurde gemäß meiner Tauglichkeit in die Kartenstelle des Stabes der 6. Panzergrenadierdivision in die Hindenburg Kaserne nach Neumünster versetzt. 9 Monate Büro warteten auf mich. Das Laufen war nun mein Ding. Wenn ich ein wenig Leerlauf bei meiner Verwaltungsarbeit hatte, las ich in einem Laufbuch, das ich mir zugelegt hatte.

Ich hab’s noch immer!

“Das komplette Buch vom Laufen” vom James F. Fixx lag fortan auf meinem Schreibtisch. Eines Tages entdeckte der Chef meiner Abteilung – Hauptmann Gerhardt (NICHT Gerhart Hauptmann!) – den Schmöker auf meinem Schreibtisch.
Ich fühlte mich ein wenig ertappt. Er musterte das Buch in seinen Händen und fragte, ohne den Blick vom Deckeltext auf der Rückseite zu heben: “Sind Sie Läufer, Kanonier Rotzoll?
Ähh nun ja, ich versuche einer zu werden.
Sagen Sie mir nur Bescheid, wenn Sie laufen gehen wollen und die Arbeit es zulässt, dann können Sie meinetwegen trainieren.
Was für Möglichkeiten sich mir eröffneten! Ich erfuhr später von ihm, dass er in seinem Heimatverein Leichtathletiktrainer für die Jüngsten war.
Hauptmann Gerhardt erzählte im Stab, dass er ja einen Läufer bei sich in der Abteilung hätte und brachte mich im Laufteam unter, dass bei einem Crosslauf der Briten in Kiel teilnehmen sollte. “Team” ist vielleicht ein wenig übertrieben, schließlich waren wir nur zu dritt! Neben einem Geschäftszimmer-Kameraden aus meiner Stabskompanie Obergefreiter Goebbels (kein Witz!), der gleichzeitig unser Fahrer zu dem Wettkampf nach Kiel war, gab es noch einen Feldwebel, der genauso schnell und viel lief, wie er trank. Jedenfalls rauschten noch 3 Bier seine Kehle hinunter bevor er befand, dass der Lauf nun starten könne.
Ich erinnere mich nur schemenhaft an die Veranstaltung, die als mein erster Laufwettkampf in die Analen eingehen sollte, aber der Feldwebel überholte mich kurz vor dem Ziel. Crosslauf war doch etwas anderes, als das Laufen, dass ich bislang kannte.
Gut gemacht!“, klopfte er mir anerkennend auf die Schulter.
Das freitägliche “GAT” fand in Neumünster außerhalb der Kaserne statt.
Wir liefen in den angrenzenden Stadtwald, dort eine Schleife und zurück ans hintere Kasernentor, wo die wachhabenden Kameraden Buch über die Rückkehrer führten. Wir waren immer 3 bis 4 Kameraden, die sich einen harten Kampf um die Ehre, der ungekrönte Wochensiegers zu sein, lieferten. Einer der Jungs – ich glaube er war Obergefreiter und hieß Stoltenberg –  galt zu Recht als der schnellste Läufer unter uns. Freitag für Freitag musste ich mich ihm geschlagen geben, doch ich wurde besser. Eines Tages war es dann soweit und ich konnte mich auf  dem letzten Kilometer absetzen. Ich hatte mich auf einem schmalen Pfad an ihm vorbei geschlängelt und versuchte mit dem Mut der Verzweiflung einen Vorsprung heraus zu laufen. Ich hörte ihn hinter mir und hatte das Gefühl er könne mir ohne Mühe folgen. Peinlich, wenn er mich doch noch wieder überholte. Die letzten paar hundert Meter waren Asphalt und ich taumelte auf das Kasernentor zu. Meine Lunge war nicht mehr in der Lage all die Luft aufzunehmen, die mein Körper benötigte und so schlug ich fast ohnmächtig an, um gleich darauf erschöpft zu Boden zu sinken. Sieg! Pheidippides für Minderbemittelte! Mein Gegner war bei weitem nicht so kaputt. Er atmete zwar schwer, aber gab mir die Hand um mich hochzuziehen.
Nicht schlecht, läufst du eigentlich Wettkämpfe?“, fragte Stoltenberg.
Ich? Nein!” Doch warum eigentlich nicht? Doch wenn ja, wo?
Er nahm regelmäßig an Volksläufen teil und startete für einen Verein. Bevor ich aber auf die Idee kam, mir von ihm Tipps für meine weitere Karriere zu holen, war seine Dienstzeit vorbei und wir sahen uns nie wieder.

Gefreiter Grunewald war ein ehemaliger Football-Spieler aus Hamburg und dabei ein ganz passabler Läufer, solang die Strecke nicht so lang war. Er tat wie ich Dienst in der Divisionskartenstelle und war Grund und Ansporn zugleich für meinen ersten richtig langen Lauf. Die Herausforderung nannte sich “Leistungsmarsch” und war im Prinzip ein Wandertag der Division. Mit Kampfanzug, Stiefeln und einem Rucksack mit vorgeschriebenen Gewicht von ich glaube 10kg ging es auf eine Strecke von 30km.
Demjenigen, der die Strecke als Erster bewältigte, winkte verlockend ein Tag Sonderurlaub.
Grunewald und ich hatten uns schon auf einem kürzeren “Marsch” ohne Gepäck einen harten Fight geliefert, den ich letztlich für mich entscheiden konnte. Seine Worte, nachdem er schwer atmend hinter mir das Ziel erreichte werde ich wohl nie vergessen: “Du läufst doch nur so schnell, um deine Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren!” Selbst aus heutiger Sicht noch immer eine interessante These!
Ich neckte ihn im Kreise der Kameraden dann gern mit dem Spruch:
Lauf ich so schnell wie Grunewald, friere ich, denn mir wird kalt!
 
Über den langen Kanten von 30km sollte es nun seine Chance auf Revanche geben.
Damit es nicht zu einem direkten Vergleich zwischen den Offizieren und dem gemeinen Kanonenfutter kommen konnte, starteten die Herren mit Portepee ein wenig vor uns.
Schließlich wurden auch wir auf die Strecke gelassen. Mit marschieren im eigentlichen Sinne hatte das Ganze nichts zu tun, vielmehr joggten wir so gut es ging. Ein paar Kameraden waren mit einem Fahrzeug als “Lumpensammler” unterwegs, begleiteten uns aber interessiert, anstatt irgendwo auf fußlahmes Volk zu warten wie die Geier.
Bald schon überholten wir die ersten Offiziere, die uns im Vorbeiziehen aufmunterten. Irgendwann ließ ich Grunewald hinter mir. Ich hatte mir das “Rennen” gut eingeteilt und hatte keine Probleme, das eingeschlagene Tempo zu halten. 30km war ich indes nie zuvor gelaufen – schon gar nicht in Kampfmontur inklusive 10kg auf dem Rücken!
Schon frühzeitig spürte ich ein leichtes Brennen im Bereich meiner Fersen, das aber wieder nachließ um nach ca. 15km mit voller Wucht zurück zu kommen.
Ich hatte mir offensichtlich die Fersen in den zum Laufen sicherlich nicht idealen Kampfstiefeln aufgescheuert. Die Socken aus groben Strick hatten sich durch die Reibung im Stiefel wie Schmirgelpapier durch meine diversen Hautschichten gearbeitet.
Ich versuchte meine Schritte zu variieren und bekam alsbald Wadenkrämpfe obendrauf. Dies wurde zudem durch meine viel zu geringe Flüssigkeitsaufnahme begünstigt.
Mit bis zu diesem Zeitpunkt großem Vorsprung auf das restliche Feld, musste ich nach etwas mehr als 20km den Marsch beenden, nachdem ich mir zwischenzeitlich noch ein paar Krücken von einem Kameraden aus dem Begleitfahrzeug geliehen hatte.
Meine Kameraden fuhren mich zurück in die Kaserne. DNF!
Dort wurde ich zuallererst von meinem cholerischen Spieß der Stabskompanie “begrüßt”, der mir unverhohlen entgegenbölkte, ich würde doch nur simulieren, um den Marsch nicht beenden zu müssen. Ihm selbst war die Teilnahme – nebenbei bemerkt – auf Grund seiner körperlichen Gebrechen leider verwehrt!
Schmerzhafter als meine Enttäuschung, es nicht geschafft zu haben, war aber der Gang unter die Dusche. Meine Socken zog ich zusammen mit einem Großteil der Haut aus, die vorher meine Fersen bedeckte. Dort war nur noch rohes Fleisch, das nicht einmal mehr nennenswert zu bluten im Stande war. Vorher von mir unbemerkt war auch mein Rücken vom Rucksack wund gerieben. Das heiße Wasser der Dusche ließ mich aufschreien und das Brennen der Seife hat sich für ewig in mein Gedächtnis gebrannt. Die Rückkehr vom anschließenden Gang in den Sanitätsbereich brachte die Erkenntnis die nächsten Tage Verbandswechsel durchführen zu müssen und 2 Wochen bequemes Schuhwerk nach Wahl tragen zu dürfen. Ich erlangte in Folge einige Bekanntheit auf dem Kasernengelände als “Der Typ mit den Adiletten”. 

Sonntag, der 23. Mai im Jahre 1993 war 60km nördlich von Hamburg ein teils sonniger aber doch angenehm warmer Tag. Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt noch bei meinen Eltern. Um nach ausgiebiger Nachtruhe noch ein wenig zu entspannen, entschied ich mich dazu, meiner Mutter auf der Terrasse ein wenig Gesellschaft zu leisten.
Auf dem Weg dorthin durchquerte ich das Wohnzimmer, wo mein Vater sich derweil von der morgendlichen Gartenarbeit vor dem Fernseher ausruhte.
Hier, schau mal!“, sagte er und deutete auf den Fernseher.
Da laufen die ganzen Verrückten heute Marathon in Hamburg.
Der NDR übertrug den 8. Shell-Hanse-Marathon. Massen von Läufern liefen an jubelnden Zuschauern vorbei. Am schnellsten die Startnummer 17., der Brite Richard Nerurkar. Ohne weiter nachzudenken, sagte ich fast belanglos: “Da laufe ich nächstes Jahr mit.
Mein Vater wandte sich ruckartig um und schaute mich mit spitzen Lippen und zusammengekniffenen Augen an. Er wartete offensichtlich auf irgendeine Regung von mir, die ihm vermitteln konnte, dass ich einen Scherz gemacht hatte. In diesen wenigen Augenblicke kam ich zu dem simplen Entschluss: “Warum eigentlich nicht?
Ist ja auch – im wahrsten Sinne des Wortes – der logische nächste Schritt nach dem `Goldenen Laufabzeichen` Jahre zuvor!
Da meine Reaktion gegenüber meinem Vater ausblieb, entschied dieser mir mitzuteilen, was er von meiner Idee hielt, sollte ich sie denn wirklich ernst meinen.

Bist du verrückt?

Da er merkte, dass Fragen nach dem Geisteszustand seines Sohnes hier womöglich nicht weiterhelfen würden, schob er direkt eine konkrete Handlungsanweisung hinterher.
Das lässt du schön bleiben!
Ich lächelte nur milde…
Richard Nerurkar lief mit erhobenen Armen kurz nach 10 Uhr ins Ziel am Hamburger Fernsehturm und ich hatte noch genau 1 Jahr Zeit, es ihm nachzutun.