Der erste Schritt

Noch mit Stützrädern

Würde ich meine Mutter nach dem ersten Schritt (in mein Läuferleben) fragen, so käme sofort die Geschichte von meinen ersten Gehversuchen als Baby und insbesondere davon, dass ich ja erst sooooooo spät laufen gelernt hätte. “Und mit dem Fahrradfahren hat er sich dann auch noch so angestellt und erst mit 6 Jahren gelernt ohne Stützräder zu fahren. ‘Das ist so kippich!’, hat Matze immer gerufen…”
Jaaaa, Mutti! *seufz!*
Da ihr hier die Texte eines passionierten Läufern liest, ahnt ihr bereits, dass ich diese Defizite mittlerweile wieder wett gemacht haben dürfte, aber dazu später mehr…

Meine sportliche Karriere begann im Fussballverein meiner Heimatstadt. Der Vater meines Sandkastenkumpels Sven war Schiedsrichter und so kamen Sven und ich irgendwann zum Fußball, um unsere auf der Straße erworbenen Fähigkeiten zu verfeinern. Klassische Straßenkicker! Das erste mal fuhr ich jedoch mit meiner Mutter auf den Trainingsplatz. Es war ein kalter, dunkler Herbsttag und die “F-Jugend” kickte auf dem großen Fußballplatz unter Flutlicht. Meine Mutter stellte mich bei den Betreuern vor und schon wenige Minuten später steckte ich in einem viel zu großen, blauen Trikot des  VFL-Kellinghusen  mit “Langnese Dolomiti” Werbung auf der Front. Es stand ein Testspiel an und ich fand mich direkt im zentralen Mittelfeld wieder. So oder ähnlich könnte jetzt auch die Geschichte einer großen Fußballerkarriere beginnen können.

Kleine Randbemerkung
Einem Freund von mir (Ex-Fussballer und jetzt schon lange selbst Läufer) ist aufgefallen, das Gespräche mit Fußballern häufig folgendermaßen ablaufen:
(Ex-)Fußballer: “…du machst sicherlich auch irgendeinen Sport, so wie du aussiehst ?!
Kumpel: “Ja, ich bin Läufer!
(Ex-)Fußballer: “Ahh, hab’ ich mir fast gedacht! Ja, laufen klappt bei mir nich’ so gut. Kriege immer Probleme mit meinem Knie…
Kumpel (denkt): – Na ja, wahrscheinlich das Übergewicht…! –
(Ex-)Fußballer: “…Aber ich hab’ ja auch mal ‘höher‘ gespielt!” – Ausrufezeichen – 

Ich trainierte fortan mit und Sven war unser Torwart.
2 mal die Woche war Training.
Ich war schon eine Weile dabei und hatte mit 6 Toren in einem Punktspiel schon meinen größten fussballerischen Erfolg gefeiert, als ein Mitspieler anfing mich zu mobben. Er hieß Jörg und fand Gefallen daran, mich bei allen möglichen Gelegenheiten zu bepöbeln, in den Schwitzkasten zu nehmen oder im Spielgeschehen rüde zu foulen.
Nun war ich es durchaus gewohnt geneckt zu werden. Ich war immer schon der Kleinste, ob in der Schule oder beim Fußball. Als vermeintlich Schwächerer bot man leichtes Ziel für Mobbing. Mich hat das hin und wieder schon beschäftigt, doch irgendwann habe ich entdeckt, dass einige persönliche Eigenschaften dieses Defizit wieder ausglichen.
Kurz gesagt: körperliche Größe + Größe des Mundwerks = Durchschnittsgröße.
Unser Fußballtrainer bekam die Drangsalierungen nicht mit, bzw. wollte es nicht mitbekommen. Höchstens bei Fouls hieß es mal “Hey Jörg, sich so doll! Los Matthias, aufstehen, weiter geht’s!
Ich hatte bald nur noch Spaß am Training, wenn Jörg nicht dabei war.
Irgendwann hatte ich dann überhaupt keinen Spaß mehr. Der letzte Tag als Fußballer endete in der E-Jugend mit einem finalen Foul von Jörg. Er sprang aus vollem Lauf mit gestrecktem Bein und Stollenschuh bewährtem Fuß direkt in mein Schienbein. Wahrscheinlich habe ich dabei sogar eine Knochenverletzung erlitten, jedenfalls meine ich noch heute die Stelle am Schienbeinknochen ertasten zu können.

Nicht ganz uninspiriert von der Kung-Fu Einlage meines Mitspielers las ich eines Tages einen kleinen Artikel im Lokalteil unserer Tageszeitung. “Aikido – Die sanfte Form der Selbstverteidigung”, so oder so ähnlich warb der Artikel um die Teilnahme am Training des örtlichen Aikido Vereins. Bald darauf steckte ich ein einem weißen Baumwoll-Kampfanzug, Keikogi genannt, dessen relative steife Jacke durch einen weißen Gürtel zusammengehalten wurde. Ich war ganz am Anfang einer Aikido Karriere.
Aikido ist eine sanfte Kampfsportart, die viel Körpergefühl vermittelt. Ich bilde mir bis heute ein, dass mir die dort vermittelten Falltechniken bei manchem Sturz im Radsport geholfen haben.
Ich blieb zwar nur bis zum 5. Kyū (gelben Gürtel), aber eines beeindruckte mich am Aikido nachhaltig: Es geht nur darum den Angriff des Gegenüber abzuwehren und einen erneuten Angriff zu unterbinden aber nicht darum einen Gegenangriff vorzubereiten. Nur folgerichtig gibt es daher auch keine Wettkämpfe. Wie wichtig mir das ist, wurde mir erst später bewusst.

Neben Aikido begann ich mit dem Motorradfahren. Ja, richtig gehört! Ich war zwar noch im Grundschulalter aber ich wurde Mitglied einer kleinen Truppe von Kindern die auf Mini-Bikes Choreografien fuhren. Wir traten damit auf diversen Sport-Presse-Festen in den großen Hallen der Republik und im Fernsehen bei Gottschalk & Co. auf.
O.K., so richtig sportlich im eigentlichen Sinn war das natürlich nicht.

Beidhändige Rückhand á la Borg

Schließlich geriet ich zum Tennis.
Meine Eltern waren Anfang der 80er Jahre vom Tennis-Virus infiziert worden und verbrachten – in Abhängigkeit von der Jahreszeit – viel Zeit auf roter Asche oder dem Nadelfilz der Tennishalle. Da lag es natürlich nah, dass der Filius es auch einmal probiert.
Nachdem ich schon einige Zeit Training genossen hatte, wurde ich in das Knaben-Team des TC-Kellinghusen berufen. Ich war der unerfahrenste Spieler im Team und wir spielten in der höchsten Spielklasse des Landes Schleswig-Holstein – eine vielversprechende Konstellation. Diese Ehre wurde uns durch unsere Vorgänger zu teil, die nun aber zu den Junioren aufgestiegen waren. Wir hatte arge Probleme die Klasse zu halten und bekamen von unseren Gegnern regelmäßig eine Klatsche. Der Verein tat Alles, um uns die Gelegenheit zu bieten, uns spielerisch weiterzuentwickeln. So hatten wir 2 mal in der Woche Tennistraining und bekamen ein mal zusätzlich Konditionstraining. Dabei liefen wir dann zum Beispiel mal ohne Ball & Schläger durch den an die Tennisanlage grenzenden (winzigen) Stadtpark. Unser Trainer sah es zudem gern, dass wir auch über die Trainingsstunden hinaus auf der Anlage spielten. Tennis war damals erst im Begriff sich von einem elitären Sport vermeintlicher aber doch eher versnobter Eliten in Richtung eines Sports für Jedermann zu entwickeln. Jedenfalls wurden wir regelmäßig von den Älteren Herrschaften von Platz geholt, da sie selber spielen wollten. Die durch den Tennis Punk Agassi aufkommende Unsitte mit knallbunten Shorts zu spielen, wurde ebenfalls mit einem Platzverweis belohnt. Vielleicht auch dies nur ein Vorwand. Über die Jahre wandelte sich das Bild und viele der selbsternannten “Hüter der Werte des weißen Sports” ließen in der Folge beiläufig fallen, dass “…wir ja mittlerweile mehr Zeit im Golfclub verbringen…” – Au revoir!
Ich spielte eigentlich ganz gern Tennis, gut jedoch nur, wenn es nicht Punkte ging. Sobald man um Spiel, Satz und Sieg auf den Platz ging, versagten bei mir die Nerven und der Schläger in meiner rechten Hand wurde zum Fremdkörper. Zudem hatte ich immer ein Problem damit meinen “Gegner” zu “schlagen”. Einer konnte sich nur dann freuen, wenn ein anderer enttäuscht vom Platz ging. Ich selbst war jedenfalls immer enttäuscht, denn ich war viel zu ehrgeizig und taugte nicht zum Verlierer.
Tennis hatte mir einfach viel zu wenig “Aikido”-Prinzip.
Immer pünktlich zum Training zu gehen, um letztlich doch keine Punktspiele bestreiten zu wollen schien mir irgendwann nicht besonders logisch zu sein. So war ich auch bald kein Tennisspieler mehr und sollte auch 30 Jahre keinen Schläger mehr anrühren.

Ich hatte zwischenzeitlich etwas vieeeel Cooleres entdeckt!
Mein alter Sandkastenkumpel Sven hatte es irgendwann nicht mehr im Fussballtor ausgehalten und saß wie ich sportlich “auf der Straße”. Doch Sven hatte ein Skateboard! Bald hatten wir beide eins und hingen mit einer Gruppe gleichaltriger Kids aus dem BMX & Skater Milieu ab. Sven rauchte auch schon (normale Zigaretten!), sagte mir aber: “Fang bloß nicht damit an!” Ich sollte immer Nichtraucher bleiben. Wir bauten Rampen, Half- und Quarterpipes und cruisten durch unsere Kleinstadt. Skaten war purer Flow und hatte ein bisschen was von “Aikido”. Jedenfalls bestritten wir nie irgendwelche Wettkämpfe, es gab ja nicht mal richtiges Training.
Irgendwann tauschten wir das Skateboard als Fortbewegungsmittel gegen Mokicks, hatten die erste feste Freundin und dann das erste Auto. Bald war ich so etwas wie “erwachsen”.
Doch zwischenzeitlich war unbemerkt etwas passiert, dass in der Aufzählung meiner durchlebten Sportarten fehlt. Die Erstinfektion mit einem Virus, der erst Jahre später richtig ausbrechen sollte.

Es war beim Schulsport, genauer bei der Leichtathletik. Sport in der Schule fand ich Klasse, wenn irgendetwas mit Bällen gemacht wurde. Hockey war mein Favorit und natürlich Fußball, Basketball auf Grund meiner Körpergröße schwierig. Gehasst habe ich Geräteturnen. Hocksprünge über irgendwelche Kästen waren der Horror für mich! Leichtathletik fand ich langweilig. Hoch- und Weitsprung und auch die kurzen Laufdistanzen waren nichts für meine kurzen Beine. Auf der  “Langstrecke” beim Laufen über 3.000m war ich schon konkurrenzfähiger, schaffte es aber nicht, mich für die Schulauswahl der Kreismeisterschaften im Crosslauf  zu qualifizieren. Eines Tages fragte unser Sportlehrer, ob wir Interesse hätten das Goldene Laufabzeichen zu bestehen. Er bot uns an außerhalb der Schulzeit die erforderliche 1 Stunde mit uns zu laufen. Ich und eine Handvoll weitere Schüler meldeten sich. Bis zur Prüfung des Laufabzeichens verblieben noch ein paar Wochen und so beschloß ich mit meinem Klassenkameraden Nico das Training aufzunehmen.

Aktueller Nachbau des
adidas TRX Runner

 Ich trug damals “Adidas TRX Runner”, quasi den kleinen Bruder des legendären “Marathon TR”.  Die Schuhe waren eigentlich auch meine normalen Alltags-Sneaker, denn ich war weit davon entfernt ein “Läufer” zu sein.
Nico und ich liefen eigentlich immer die gleiche Runde von 3,5km und das ziemlich locker.
Endlich war der Tag gekommen und wir trafen uns mit einer Hand voll Unerschrockenen nach der Schule mit unserem Lehrer, der – soweit ich mich erinnern kann – auf dem Rennrad aus seinem 40km entfernt gelegenen Wohnort angeradelt kam. Und jetzt wollte der Teufelskerl noch eine Stunde mit uns laufen gehen? Unglaublich!
Wir trotteten los. Als wir ungefähr die maximale Distanz zwischen uns und unserem Startpunkt an der Schule erreicht hatten, fingen die ersten Kameraden an schlapp zu machen. Doch weder gehen noch aufgeben war eine Option, wie sollten wir auch sonst zurück kommen? Jan, ein Mitschüler von uns hatte die größten Probleme, so dass ich ihn mit einem Anderen aus unserer Jogging-Gruppe anschieben musste!
Schließlich erreichten wir alle das Ziel und konnten uns fortan mit dem “Goldenen Laufabzeichen” schmücken, das uns ein paar Tage später von unserem Sportlehrer feierlich überreicht wurde.
Ich erfuhr, dass das nächsthöhere Abzeichen das “Marathon Laufabzeichen” war, für das man “zweiundvierzig-komma-irgendwas” Kilometer rennen musste. Hä?! Wer schafft denn sowas?
Ich war derweil zufrieden, dass ich diese Prüfung augenscheinlich leichter bewältigte als die meisten meiner Mitschüler, deren Hacken ich auf den kürzeren Bahndistanzen zu sehen pflegte. Nie wäre ich zu diesem Zeitpunkt auf die Idee gekommen, dass Joggen eine, wenn nicht gar “meine” Sportart sein könnte.
Das war dann eine andere Geschichte…


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.